Barockgeige, ganzer Vortrag

Was Sie schon immer über die Barockgeige die Barockbratsche und das Barockcello wissen wollten:

 Barockgeige Steg und saiten

5 kurze Fragen und ebenso kurze Antworten zu Barockinstrumenten:

 

- Ist die Barockgeige eine sog. Kurzhalsgeige? Nein.

Kurzhalsgeige bezeichnet ein Volksmusikinstrument aus Südwestböhmen, auch „Dudelgeige“ oder „Dudelsackgeige“ genannt. Die Halslängen der unveränderten Barockgeigen weichen oft einige Millimeter von der heutigen Norm ab.

 

- Erkennt man ein Barockinstrument an der hohen Wölbung? Nein.

Es gab schon immer hoch und flach gewölbte Instrumente.

 

- Waren die Hälse in flachem Winkel (zur Korpusachse) befestigt? Ja und Nein.

Es kommen ganz flache, „normale“ und auch sehr steile Winkel vor. (Siehe weiter unten)

 

- Haben Darmsaiten weniger Spannung? Nein.

Darmsaiten können ohne weiteres die gleiche Spannung wie moderne Saiten erzeugen

 

- Sieht man auf den ersten Blick, ob es sich um ein Barockinstrument handelt?

Mit etwas Übung schon!

 

Da am Korpus nichts Auffälliges zu bemerken ist, schauen wir uns die übrigen Teile genauer an.

 

Das barocke Griffbrett

Ist deutlich kürzer. Es ist bei der Geige nur “zwei Oktaven lang“, weil die meisten Kompositionen keine höheren Töne verlangten. Während ein modernes Griffbrett etwa 3 cm länger und aus massivem Ebenholz gemacht ist, kommen beim Griffbrett des 16.-18. Jahrhunderts ganz verschiedene Hölzer zur Anwendung. Der Kern ist häufig aus Fichte (dem gleichen Holz wie die Decke!). Das hat zwei gute Gründe. Erstens war Fichte viel billiger und leichter zu beschaffen als Ebenholz und zweitens hat sie mit 6000 m/sek. die beste Schall-Leitfähigkeit. (Ebenholz nur 3200 m/sek.). Der weiche Kern wurde aus Gründen der Haltbarkeit mit einem ca. 1 mm dicken Furnier aus Ebenholz belegt. Das Furnier wird gebogen und hat die Tendenz, sich wieder zurück zu biegen. Deshalb sind einige furnierte Griffbretter in der Querrichtung sehr flach geworden. Die beiden mittleren Saiten haben dadurch einen zu grossem Abstand vom Griffbrett, was vor allem in hohen Lagen die Spielbarkeit einschränkt. Eine gute, das heisst der Rundung des Steges entsprechende Querwölbung, erleichtert den Spielenden „das Leben auf dem Griffbrett“ wesentlich. Schauen Sie selber genau hin und lassen Sie diesen Punkt im Zweifelsfall von uns kontrollieren!

Die Seitenkanten müssen aus Hartholz sein: Ebenholz, Birnbaum, Ahorn, Schlangenholz wird verwendet. Ein so konstruiertes Griffbrett begünstigt die Obertöne und den Nachhall und trägt dazu bei, den „Barockklang“ zu produzieren, so wie wir ihn heute interpretieren. Das Griffbrett war und ist oft mit kunstvollen Verzierungen versehen: kontrastierende Ränder, kunstvolle Muster aus verschiedensten Hölzern, Intarsien.

 

Unverständlich ist es, dass die im Laufe von Jahrhunderten verformten Originale auch heute noch sklavisch genau, mit allen Verformungen, kopiert werden.

 

 

 

Der barocke Hals

ist stumpf auf die Oberzarge aufgeleimt: als zusätzliche Sicherung werden von innen 1 – 3 geschmiedete Nägel (beim Cello bis 5 Stück!) durch den Oberklotz hindurch in den Halsstock getrieben. (Der moderne Hals ist mit einer Schwalbenschwanz-Verbindung in den Korpus geleimt.)

 

Der Halswinkel

zur Korpusachse variiert vor 1800 stark. Aus den unveränderten Originalen lässt sich kein “Patentrezept“ ableiten, wie ein Barockhals proportioniert sein soll. Wir beraten Sie detailliert über die Konsequenzen der verschiedenen Möglichkeiten: je flacher der Halswinkel, desto keilförmiger das Griffbrett. Damit wird der Hals Richtung Korpus deutlich dicker. Das kann Spielerinnen und Spieler anfangs irritieren.

 

Der Bassbalken

ist feiner und weniger lang. Die Abstimmung auf die Decke (Stabilität, Schwingungs-verhalten) ist wichtig für einen guten Barockklang.

 

Der Saitenhalter

aus Hartholz ist häufig auch furniert und evtl. wie das Griffbrett verziert. Feinstimmer sind noch nicht erfunden – die Darmsaiten lassen sich gut mit den Wirbeln stimmen.

 

Der Stimmstock

ist bei der Barockgeige ein 0,8 Gramm leichtes Fichten-Stäbchen, das zwischen Boden und Decke steht. In Italien heisst es Anima (Seele). Der Name sagt, um was es geht. Ist nämlich die Seele in Schieflage geraten oder gar umgefallen, ist der Klang gestört und das seelische Gleichgewicht des Spielers oder der Spielerin ebenfalls. In dieser Situation folgen wir Leopold Mozart’s Rat (Violinschule 1756) :

Der Stimmstock muss nicht zu hoch aber auch nicht zu nieder seyn, und rechter Hand etwas weniges hinter dem Fuss des Sattels (=Steg) stehen. Es ist kein geringer Vortheil den Stimmstock gut zu setzen. Man muss ihn mit vieler Geduld öfters hin und her rücken; jedes Mal durch Abspielung verschiedener Töne auf jeder Seyte den Klang der Geige wohl untersuchen, und so lang auf diese Art fortfahren: bis man die Güte des Tones gefunden.

Leopold Mozart wäre bestimmt mit mir einig, dass diese heikle Arbeit am besten von erfahrenen Fachleuten ausgeführt wird.

 

Der Steg

existiert in einer Vielzahl von Modellen. Einige haben berühmte Namen, wie Stradivari, Guarneri, Tartini, Banks. Jedes Modell klingt anders. Es ist darum möglich, die Klangfarbe mit dem Stegmodell zu beeinflussen. Fragen Sie uns, wenn Sie klangliche Wünsche haben und profitieren Sie von unserer Erfahrung.

 

 

Die Saiten

Wir haben das ganze Sortiment des Saitenmachers Damian Dlugolecki am Lager, auch selten gebrauchte, wie Cello e (die 5.Saite). Alle Saiten sind aus Schafsdarm (oder ähnlichen Därmen) gefertigt, die tieferen sind mit Draht umsponnen. Seit 20 Jahren machen wir sehr gute Erfahrungen, mit Klang und Haltbarkeit. Die Zeiten, wo eine Violin-e-Saite lediglich eine Woche hielt, sind glücklicherweise vorbei: meist ersetzt man sie, weil sie nach Wochen und Monaten einfach abgespielt ist und nicht mehr optimal klingt. Wer unter feuchten Händen leidet, wählt die lackierten Saiten. Diese fransen viel weniger schnell aus.

 

Kinnhalter ?

Der Kinnhalter wurde erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden. Die meisten Musiker und Musikerinnen versuchen deshalb, ohne auszukommen.

 

Stachel ?

Ursprünglich steckte in den tiefen Instrumenten ein etwa 15 cm langer Stachel. Wir nennen diese Instrumente heute „Continuo-Cello“ oder „Basse de Violon“. Sie waren ca. 10 cm länger als unser heutiges Cello. Michael Praetorius bildet diesen Instrumenten-Typ ab (Syntagma Musicum 1619). Als dann aber in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts der Name „Violoncello“ erstmals auftaucht und dieses auf heutige Masse verkleinerte Instrument zu einer steilen solistischen Karriere ansetzte, waren sich die führenden Cellisten einig, dass der Stachel „beim Übersetzen hinderlich ist“ (Übersetzen = Lagenwechsel). Deshalb wurde er abgeschafft und erst im 19. Jahrhundert wieder eingeführt.

 

Das 5-saitige Solocello

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden Solostücke für ein etwas verkleinertes Cello komponiert, das oben mit einer 5. Saite, gestimmt auf d oder e ausgerüstet war. J.S.Bach schrieb seine 6. Cellosuite für dieses Instrument. Da aber schon bald der Daumenaufsatz erfunden wurde, welcher es erlaubte, auf der A – Saite bisher unbekannte hohe Lagen zu erreichen, hatte dieses Instrument eine kurze Blütezeit. Erst in den letzten Jahrzehnten erlebt dieses klanglich äusserst reizvolle Instrument eine Renaissance. Sie können es gerne in unserer Werkstatt probieren. (Insider-Tipp: die Arpeggione–Sonate von Schubert lässt sich darauf wunderbar spielen!)

 

Der Bogen

für die Barockinstrumente unterscheidet sich deutlich vom modernen Bogen. Er ist meist aus Schlangenholz gefertigt, mit eleganter, langer Spitze, ohne äusserlich sichtbare Metallteile. Er ist deutlich leichter und oft kürzer als ein moderner Bogen. Da man weniger Gewicht hin und her bewegen muss, reagiert er schneller. Die feine Spitze erleichtert die „sprechende Artikulation“, wo einem aktiven Abstrich (Aktion) ein entspannter Aufstrich (Reaktion) folgt. Die uns vertraute Schraub-Mechanik am Frosch wurde erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts erfunden. Bei früheren Bögen wurden die Haare mit einem sog. Steckfrosch gespannt.

 

Die Stimmung

der Instrumente war genau wie heute eine Quintstimmung. Variabel war hingegen der Stimmton a. Er variierte je nach Land oder Stadt zwischen 392 hz und 465 hz. Da die Instrumente stark auf die unterschiedlichen Saitenspannungen reagieren, ist auch diesem Umstand Rechnung zu tragen.

 

Zusammenfassend

kann man sagen, dass „der Originalklang“ oder „Barockklang“ nur durch die Summe der oben beschriebenen baulichen Besonderheiten entsteht.

 

Falls sie Fragen zu diesem (oder einem anderen) Thema haben, schreiben Sie uns ein E-MailDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder rufen Sie uns an. 044 262 03 80

 

Zürich, im November 2008 Rudolf Isler, Geigenbaumeister

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